Per Anhalter über den Atlantik?

 

.. das geht tatsächlich! Wir sind im Oktober 2017 in Gibraltar los getrampt und nach knapp drei Monaten per Anhalter in der Karibik angekommen. Damit sind wir unserem Traum, von einer Reise um die Welt ohne Flugzeug, ein ganzes Stück näher gerückt. Was Du für das Bootstrampen bestimmt brauchst ist: Zeit, Geduld und Ausdauer. Geld, Erfahrung und besondere Fähigkeiten sind eigentlich nicht unbedingt nötig. Was sonst noch nützlich und wichtig ist, haben wir Dir hier zusammengestellt:

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Mit ein wenig Geduld, wirst Du bestimmt ein Segelboot finden, das Dich mitnimmt!

Die Jahreszeit

Bei der Planung einer Weltreise ohne Flugzeug, haben wir schnell festgestellt, dass wir uns den Regeln der Natur (Wetter, Wind,Temperaturen) anpassen müssen. Das gilt vor allem für das Segeln.

Zwischen Juni und September segelt kaum ein Boot Richtung Südamerika oder zu den Kanarischen Inseln, denn in dieser Zeit des Jahres ist Hurricane-Saison.

Zwischen November und März stehen die Chancen sehr gut. Von Anfang bis Mitte November findet zum Beispiel die jährliche ARC-Regatta statt. Hier segeln mehrere hundert Boote von Las Palmas nach Saint Lucia. (Da die ARC hohe Teilnahmegebühren und Gebühren für jedes Crewmitglied fordert, ist diese Variante allerdings mit Kosten verbunden.)

Aber auch nachdem die ARC-Boote den Hafen in Las Palmas verlassen haben, gibt es noch etliche SeglerInnen, die den Atlantik überqueren und nach Crewmitgliedern suchen.

Der richtige Hafen

Der Hafen „Ocean Village“ in Gibraltar (im Süden von Spanien gelegen, gehört aber zu England)

Gut zu wissen: In Gibraltar ist das Wildzelten verboten. Wenn Du dort einige Tage am Hafen verbringst und dein Budget klein ist, bleibe zum Schlafen auf der spanischen Seite in „La Linea“. Hier ist das Campen erlaubt und die Nahrungsmittel im Supermarkt sind um einiges günstiger als in Gibraltar. La Linea hat ebenfalls einen Hafen, dort kannst Du mit etwas Glück auch ein passendes Boot finden.

Der größte und bekannteste Hafen auf den Kanaren ist der Puerto Deportivo in Las Palmas auf Gran Canaria. Von hier legen jährlich hunderte Boote ab, um den Atlantik zu überqueren. Allerdings wirst Du nicht die einzige Person sein, die hier nach einem Boot sucht, denn am Hafen von Las Palmas gibt es eine ganze Menge BootstramperInnen.

Gut zu wissen: Die Anlegestege sind abgeschlossen. Das heißt, dass es hier etwas schwieriger ist, die Leute direkt an ihren Booten anzusprechen. Mit etwas Glück, wird dir allerdings eine nette Person das Tor öffnen. Ansonsten ist die Bar „Sailors Bay“ der Kontaktpunkt Nummer eins. Hier treffen sich SeglerInnen und TramperInnnen um sich auszutauschen.

Manche Segelboote legen vor der großen Überfahrt noch einen Zwischenstopp auf Kap Verde ein. Hier ist Mindelo auf Sao Vincente der größte Hafen.

Gut zu wissen: Die Nahrungsmittel sind auf Kap Verde um einiges teurer als auf den Kanaren. Falls Du auf den Kanaren ein Boot gefunden hast, mit dem Du den Atlantik überqueren wirst, versuche Deinen Kapitän oder deine Kapitänin davon zu überzeugen, den gesamten Einkauf für die Ozeanüberquerung auf den Kanaren zu machen. Das lohnt sich!

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Der Puerto Deportivo in Las Palmas- von hier legen jährlich hunderte Boote ab, um den Atlantik zu überqueren. 

Deine Zeit

Für eine Atlantiküberquerung per Anhalter brauchst Du viel Geduld! Es kann manchmal Tage, Wochen oder Monate dauern, bis Du ein Boot gefunden hast. Plane ungefähr zwei bis drei Monate für das komplette Abenteuer ein. (Wir haben knapp drei Monate gebraucht, bis wir in Tobago angekommen sind)

Die gängigsten Routen für eine Atlantiküberquerung sind:

Gibraltar- Kanaren- Karibik oder

Gibraltar – Kanaren – Kap Verde – Brasilien oder

Gibraltar – Kanaren – Kap Verde – Karibik.

Gut zu wissen: Rechne damit, dass viele SeglerInnen längere Stopps auf den Inseln einlegen. Zum Beispiel weil das Wetter umschlägt, um Reparaturarbeiten durchzuführen oder um die Insel zu erkunden. Die Atlantiküberquerung selbst, also die reine Segelzeit, kann bis zu vier Wochen dauern

Kosten

Es kommt natürlich auf Deinen Reisestil an, wie viel Geld du für das Abenteuer ausgeben kannst und willst. Eine Atlantiküberquerung kann günstiger, aber vor allem spannender und auf jeden Fall umweltfreundlicher als ein Flug sein. Wenn Du Glück hast, musst du dich für Überfahrt nicht an den Kosten beteiligen, sondern kannst eine Gegenleistung wie z.B. kochen anbieten. Auf manchen Booten zahlst Du in die Lebensmittelkasse ein und manche SeglerInnen erheben eine Kostenpauschale für jedes Crewmitglied (für Hafengebühren, Nahrungsmittelkosten und Spritkosten). Wir haben uns meist an den Lebensmittelkosten beteiligt, für die Crew gekocht oder Zeit mit den Kindern verbracht.

Während Du nach Booten suchst, fallen unter Umständen natürlich auch Lebensmittel- und Übernachtungskosten an. Wie überall, kommt es hier aber auch auf deinen Reisestandart an: Hostel oder besetztes Haus. Restaurant oder selbst gekochte Mahlzeiten.

Gut zu wissen:

Essen: Lebensmittel sind in Spanien günstiger als in Gibraltar und auf den Kanaren günstiger als auf Kap Verde.In Spanien und auf den Kanaren kannst du problemlos Lebensmittel containern gehen. Wir haben in den Restaurants gefragt, ob sie uns die nicht verzehrten Lebensmittel aufbewahren können: Am Abend gab es dann kostenlos prall gefüllte Aufbewahrungsboxen voll mit Salat, Fisch, Risotto etc. Mit einem kleinen Gaskocher und ein paar Töpfen kannst Du dir fast überall deine eigene Mahlzeit  zubereiten.

Schlafen: In Las Palmas gibt es neben dem Hafen (Porto deportivo) einen großen Sandstrand, an dem Du übernachten kannst. Oder Du fragst in einem der zahlreichen Squats (besetzte Häuser) in Las Palmas an, ob sie einen Platz für dich haben. Manche SeglerInnen lassen Dich gegen eine kleine Gegenleistung (z.B. Boot putzen) auf ihren Booten übernachten.

Busking: Die Fußgängerzone in der Altstadt von Las Palmas ist perfekt für Straßenmusik Sessions. Hier ist an jedem Tag ziemlich viel los. An der Strandpromenade (Playa de las Canteras) ist am Abend recht viel los. Wenn Du keinen Stress mit der Polizei haben willst, beginne Deine Session dort erst nach 21 Uhr.

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Kleiner Segel-Crashkurs an Bord.

Dies und das

An den Häfen (vor allem in Las Palmas) gibt es inzwischen ziemlich viele Leute, die nach Booten suchen. Wie kannst du SeglerInnen auf dich aufmerksam machen?

In den Hafenbars, an Pinnwänden oder im Büro der Hafenverwaltung Zettel auslegen oder anheften. Wer bist du? Wo willst du hin? Was kannst du? (kochen, medizinische und fotografische Fähigkeiten sind besonders gefragt)

Die Hafenbars ( z.B. Sailors Bay in Las Palmas) sind gute Orte, um die Menschen direkt anzusprechen. Hier kannst du dich mit anderen Bootssuchenden austauschen und SeglerInnen kennenlernen.

Wir sind über die Anlegestege gelaufen und haben die Personen auf den Booten direkt angesprochen. Diese „Strategie“ war für uns die erfolgreichste.

Erfahrungen sind gut, aber eigentlich spielt die zwischenmenschliche Sympathie eine viel größere Rolle.

Sei bereit, Aufgaben auf dem Schiff zu übernehmen. An Bord gibt es immer etwas zu tun z.B. Kochen, Reparieren, Wachschichten besetzen..

Sei vorbereitet auf laaaange Tage auf See, an denen dir die Zeit endlos erscheinen kann. Nimm Bücher und Instrumente mit, Schreib- und Bastelmaterial,Podcasts, Hörbücher..oder was auch immer Dir einfällt.

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Eines der vielen Boote am Hafen, wird dich bestimmt mitnehmen. 

Wenn du diese Tipps beachtest, kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen.

Vielleicht schwirren dir jetzt noch ein paar Fragen im Kopf herum, die wir uns auch gestellt haben, bevor wir losgefahren sind.

Welche Ausrüstung nehme ich mit?

Wenn Du sowieso mit deinem Rucksack unterwegs bist, brauchst Du eigentlich kein extra Equipment für den Segeltörn. Nützlich sind: Schlafsack, Stirnlampe, Sonnenbrille, Sonnencreme, leichte Jacke und vlt. ein paar rutschfeste Schuhe (Barfuss ist aber eigentlich am angenehmsten, nicht umsonst wird die Altlantikroute auch Barfussroute genannt).

Einmal Seekrank, immer Seekrank?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die ersten drei Tage meist recht unangenehm sind (wir haben uns kraftlos und übel gefühlt). Aber selbst erfahrene SeglerInnen müssen sich immer wieder neu an den Wellengang gewöhnen. Jeder Körper reagiert anders! Es kann sein, dass du gar nicht Seekrank wirst aber genau so gut kann es sein, dass du die gesamte Strecke mit Übelkeit zu kämpfen hast.

Diese Tipps & Hausmittel haben uns geholfen:

  • Trotz Appetitlosigkeit viel Essen. Wenn Du Hunger hast, spürst du die Seekrankheit stärker.
  • Viel Schlaf
  • Ingwer gegen die Übelkeit
  • Blick auf den Horizont und frische Luft. Wenn du dich im Bootsinneren aufhältst, ist die Chance, dass dir Übel wird um einiges höher.

Brauche ich Segelerfahrung, um mitgenommen zu werden?

Nein. Erfahrung ist keine zwingende Voraussetzung, um auf ein Boot zu kommen, Die meisten KapitänInnen informieren dich vor der Fahrt über die Sicherheit an Bord (Was tun bei „Person über Bord“? Wie lege ich die Rettungswest an? Wie funke ich im Notfall Hilfe an?). Du hast genug Zeit, um dir weitere nützliche Segel-Fähigkeiten während der Fahrt anzueignen. Wenn Du interessiert nachfragst und lernbereit bist, kannst Du in der zweiten Nacht vielleicht schon Deine erste Wachschicht übernehmen.

Brauche ich besondere Fähigkeiten, um auf ein Boot zu kommen?

  • Deine zwischenmenschliche Fähigkeiten sind bereits beim Ansprechen gefragt. Wenn Du dabei einen freundlichen, sympathischen und offenen Eindruck machst, kommt das sicherlich ganz gut an. Sei Du selbst, aber versuche Dich auch auf die andere Person einzustellen.
  • Kochen: Mit guten kulinarischen Fähigkeiten kannst Du sicherlich Punkten. Unser Kapitän hat sich auf eine „vegetarische Woche“ eingelassen, nachdem er erkannt hat, dass vegetarisches Essen durchaus sehr lecker und vielseitig sein kann.
  • Handwerken: An Bord fällt immer einiges an Reparaturarbeiten an. Bist du ElektrikerIn oder MechanikerIn? Sehr gut! Dann wirst du sicher gebraucht.
  • Medizinisches: Wenn wochenlang kein Krankenhaus oder eine Arztpraxis in Sicht ist, kann eine Person mit medizinischen Erfahrungen unter Umständen ganz hilfreich sein.
  • Fotografieren: Biete der Crew an, die Segelfahrt fotografisch oder filmerisch zu begleiten.
  • Psychologische Kompetenzen: Eine Gruppe von Menschen auf kleinem Raum über eine gewisse Zeit. Das kann möglicherweise zu Konflikten und Auseinandersetzungen führen. Kenntnisse als MediatorIn oder gewaltfreien Konfliktlösungsstrategien könnten die ein- oder andere Situation entschärfen und für Frieden auf dem Schiff sorgen.
  • Sprachen: Eine Segelfahrt komplett ohne Kommunikation könnte ganz schön langweilig werden. Es ist daher sehr hilfreich, wenn du zumindest Englisch sprichst (falls dein/e KapitänIn nicht zufällig deine Muttersprache spricht). Zusätzliche Sprachen sind immer hilfreich, zum Beispiel wenn ihr am Hafen anlegt und HandwerkerInnen bestellt, Einkäufe erledigt, oder Hilfe angefordert werden muss.

 

Kann ich im Internet nach Booten suchen, bevor ich am Hafen ankomme?

Ja (Das ist dann aber streng genommen kein Trampen mehr 🙂 ). Es gibt ein paar Webseiten, auf denen Du nach einen Boot suchen kannst:

 

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Wir empfehlen Euch das Buch „OCEAN NOMAD: The Complete Atlantic Sailing Crew Guide – How to Catch a Ride & Contribute to a Healthier Ocean“ von Suzanne. Sie setzt sich für den Schutz der Ozeane ein und hat ein komplettes Buch über das Segeltrampen geschrieben. Mehr Infos findet ihr hier

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