„Zapata lebt, der Kampf geht weiter!“- die gelebte Utopie der Zapatistas

10. Januar 2019– Mexiko

 

Hola Mexiko!

Es ist Ende Juli. Frische Morgenluft weht um mein Gesicht als wir den steilen Berg hinter der guatemaltekischen Grenze Richtung Mexiko herunter sausen. Ein weitläufiges Tal tut sich vor uns auf, am Horizont erheben sich dicht bewachsene Berge majestätisch gen Himmel empor. Der Anblick ist so faszinierend, das ich mich kaum auf die kurvige und achtlos geteerte Fahrbahn konzentrieren kann, über die ich mit dem vollgepackten Fahrrad hinweg holpere.

Am Fuße des Berges kommen wir zur mexikanischen Grenzstation und holen unser Stempel ab-„180 Tage“ kritzelt der Grenzbeamte auf den Einreisestempel in unseren Pass. Hundertachtzig Tage, das ist eine ganze Menge Zeit, denken wir uns. Da wissen wir noch nicht, dass wir ein halbes Jahr später nochmal hierher zurückkommen würden, um unseren Aufenthalt in diesem faszinierenden Land zu verlängern.

Jetzt aber kratzen wir unsere letzten guatemaltekischen Münzen zusammen, mit denen man hier im Grenzgebiet auch noch auf mexikanischer Seite zahlen kann und kaufen uns zum Mittagessen eingelegte rote Chilis Chipotles und eine Portion Tortillas. Nach der kleinen Mahlzeit, die uns auf typisch mexikanische Art unsere Geschmacksnerven verbrennt, schwingen wir uns wieder gut gelaunt auf die Fahrräder und radeln weiter Richtung Landesinnere.

Unser Ziel ist das hundert sechsundsiebzig Kilometer entfernte San Cristobal de las Casas . Die Stadt wurde im Jahr 1994 weltweit bekannt, als die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) mehrere Städte im mexikanischen Bundesstaat Chiapas besetzte. Die EZLN oder die Zapatistas ist eine Bewegung, die sich für die Rechte und Autonomie der indigenen Bevölkerung und gegen neoliberale Wirtschaftspolitik einsetzt. Hier, im Bergland von Chiapas liegen die autonomen zapatistischen Gemeinschaften verteilt.

Schon vor Beginn unserer Reise war es ein großer Traum von uns, mal für eine längere Zeit mit den Zapatistas zu leben. Wir hatten allerdings gehört, dass es schwierig sein könnte in die Gemeinschaften rein zu kommen. Deshalb wollen wir in San Cristobal erst mal ein paar Kontakte knüpfen…

Nein zum ausbeuterischen Bergbau. Nein zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Raus mit den internationalen Großkonzernen. Respekt dem heiligen Silber-Berg. Ja zum Leben. Respekt der Natur. Respekt der Mutter Erde. – „Licht und Kraft dem Volk“- Region der Vergessenen, Bundesstaat Chiapas Mexiko.

Noch geht es bergab…

Auf geht’s nach San Cristobal

Das Gebiet hinter der Grenze ist überwiegend flach und schnell legen wir die ersten Kilometer hinter uns. Dann aber beginnt das bergige Gefilde: Meter um Meter kämpfen wir gegen die Schwerkraft an, die unablässig an unseren Fahrrädern zerrt. Atemzug um Atemzug, Pedaltritt um Pedaltritt.

Es fühlt sich an, als würden wir uns in Zeitlupe fortbewegen, während die Schweißperlen umso schneller von unserer Stirn tropfen. Die Einzig die nicht schwitzt ist unsere Hündin Nami. Sie liegt bequem in ihrer keinen blauen Kiste, die wir auf Lisas Gepäckträger festgeschraubt haben, und schaut sich in aller Ruhe das Panorama an.

Zum Schlafen suchen wir uns meist am Wegesrand eine gemütliche Stelle in der Natur. Kurz vor San Cristobal fällt das Gelände neben der Straße allerdings so steil ab, dass es unmöglich ist unser Camp aufzuschlagen. Aber wie meistens hält das Universum schon einen Plan B für uns bereit: Kurz vor Anbruch der Dunkelheit lernen wir Mary und Salvador kennen, die uns auf ihre kleine Ranch einladen. Der Rock aus schwarzem Schafsfell den Mary trägt ist das Erkennungsmerkmal der Tzotzil Indigenen.

Kurzer Besuch eines ungebetenen Gast

Nach vier Tagen erreichen wir San Cristobal. Metallene Autoschlangen drücken sich behäbig durch die engen, von bunten Häuserfassaden eingerahmten Gassen. In der Innenstadt, wo die Straßen für Fahrzeuge gesperrt sind, herrscht ein geschäftiges Treiben. Künstler*innen bieten ihren Schmuck und allerlei Handgemachtes auf dem Bürgersteig zum Verkauf an, Klänge von Gitarren und Trompeten dringen durch das Gewusel zu uns hindurch.

Als wir so durch die engen Gassen streifen überfällt mich gegen Mittag plötzlich ein mir bis dahin unbekanntes Schwächegefühl. Am liebsten würde ich mich auf der Stelle jetzt hier auf den Bürgersteig legen und mich ein wenig ausruhen.

„Wow, mir geht’s gar nicht gut“ murmle ich Lisa unter äußerster Kraftanstrengung zu „Kannst du mich bitte nach Hause tragen?“ Lisa hat diesen Blick, den ich gar nicht so richtig beschreiben kann. Eine Mischung aus Unverständnis, Skepsis und Vergnügung. So schelmisch irgendwie. Und mit diesem Blick antwortet sie ganz trocken „Du übertreibst doch.“ Ja es stimmt, manchmal habe ich die Tendenz ein wenig zu übertreiben aber diesmal meine ich es todernst. Trotzdem kann ich mich doch noch zusammenreißen, hänge mich bei Lisa in den Arm und gemeinsam schleppen wir mich zu unserem Couchsurfer zurück.

Im Bett angekommen geht es nun richtig los. Fieber macht sich in meinem Körper breit und mein Kopf will vor Schmerzen explodieren. Die einsetzenden Gliederschmerzen machen es mir unmöglich eine geeignete Position zu finden – es fühlt sich an als würden sich meine Beine von der Hüfte ablösen. Meine Muskeln drücken und ziehen sich zusammen. Kein Muskelkater kommt an dieses Gefühl annähernd heran.

„Lisa, ich glaube ich sterbe jetzt“. Wieder dieser Blick. „Okay, vielleicht sterbe ich nicht. Aber bestimmt habe ich Denguefieber.“ Unterwegs hatten andere Reisende uns schon von den Symptomen der verschiedenen Tropenkrankheiten erzählt und am nächsten Tag sollte sich meine Vermutung durch einen Bluttest bestätigen: Dengue Positiv.

Gegen die Krankheit kann man eigentlich nicht viel machen, außer im Bett liegen bleiben und versuchen, das Fieber zu senken. Ein Hausmittel gegen Dengue ist Tee aus Papayablättern- der wirkt fiebersenkend und hilft, die Blutblättchen wieder aufzubauen.

Nach drei Tagen erreichen wir San Cristobal. Die Stadt erhielt 1848 den Namenszusatz „de las Casas“, und wurde damit nach dem Bischof Bartolomé de las Casas benannt, der sich  in der Kolonialzeit für die Rechte der Indigenen einsetzte. Er war Anhänger der Theologie der Befreiung“- eine in Lateinamerika entstandene Richtung der der christlichen Theologie, die sich als „Stimme der Armen“ versteht und zu ihrer Befreiung von Ausbeutung , Entrechtung und Unterdrückung beitragen will.

Eine andere Welt ist Möglich!

Mit der Rückkehr meiner Gesundheit beginnt nun endlich auch die Recherche.
In der Fußgängerzone finden wir einen kleinen Laden, in dem allerhand Sticker, Poster und andere Produkte mit Motiven und Sprüchen der Zapatistas verkauft werden. Leitsprüche der EZLN wie „Otro Mundo es Posible“ – eine andere Welt ist möglich und „Zapata vive, la lucha sigue!“– Zapata lebt, der Kampf geht weiter sind überall zu lesen. Auch Kaffee und Honig aus zapatistischen Gemeinschaften werden hier angeboten.

Die Verkäuferin des Ladens erzählt uns vom CIDECI – eine Art autonome Universität und Ausbildungszentrum in dem Donnerstagsabends immer ein Treffen stattfindet. „Da kommen immer viele Leute zusammen, die im Kampf um Land und Autonomie aktiv sind. Oft sind auch Zapatistas dabei.“ lässt sie uns wissen.

Was erwartest du, was erwarten wir vom Kapitalismus? Im Kapitalismus gibt es keine Gerechtigkeit sondern nur Enteignung, Verachtung, Unterdrückung und Tod. Deswegen müssen wir Alternativen aufbauen. Lass uns uns gemeinsam und gegen das kapitalitsiche Monster im autonomen Widerstand organsieren!

 

Die Erde, unsere Mutter Erde, ist das wertvollste was wir haben

Als wir in den Lesesaal vom CIDECI eintreten ist der Diskussionsabend schon im vollen Gange. Wir finden einen freien Platz und setzen uns dazu.

Die Diskussionen geben uns einen tiefen Einblick in die Kultur und Geschichte Mexikos. Bald steht eine ältere Frau von ihrem Stuhl auf und ergreift das Wort. Ihr schwarzes langes Haar ist mit einem Knoten zu einem Zopf zusammengebunden. Sie trägt eine helle, mit Stickereien gezierte Bluse, darunter einen Rock aus schwarzem Schafsfell, der von einer bunten Borde um die Hüfte herum geziert wird: die traditionelle Kleidung der Tzotzil Frauen. Die Tzotzil sind ein indigenes Volk, mit eigener Sprache, das als direkte Nachfahren der Maya gilt.

Nach einem kurzen Räuspern beginnt sie zu sprechen:

„Fünfhundert Jahre sind vergangen seit der Invasion der spanischen Eroberer. Sie haben unseren Völkern viel Elend gebracht. Was hat sich seither verändert? Nicht viel! Der Blick auf uns, die indigenen Völker dieses Kontinents, ist derselbe. Unser Land wird ausgebeutet, wir werden als billige Arbeiterinnen eingesetzt, Touristen bestaunen unsere heiligen Kulturgüter in Museen. Wir werden ausgebeutet oder kommerzialisiert.

Und für unseren Schmerz, unseren täglichen Kampf ums Überleben interessiert sich niemand. Wir sind auch Menschen, wir existieren. Nein! Wir sind mit der Eroberung dieses Kontinents nicht ausgestorben. Wir pflegen weiterhin unsere alten Bräuche und Traditionen, Leben in Gemeinschaft und bauen unsern Mais an! Die Erde, unsere Mutter Erde ist das wertvollste was wir haben. Sie gibt uns Nahrung und Wasser. Sie gibt uns alles was wir brauchen. Und deshalb wir müssen sie schützen und verteidigen!

Ihr Stimme beginnt zu beben.

„Ich sage: HALT! So kann es nicht weitergehen! Wenn die Menschheit eine Zukunft haben will, müssen wir wieder in den Kontakt zur Natur zu treten! Weil Natur Leben ist! Weil auch wir Menschen Gebilde der Natur sind, aus ihr entstehen, von ihr leben und in ihr sterben. Wenn die Flüsse vergiftet und ausgetrocknet, Wälder gerodet oder verbrannt, die Luft verpestet und das Gemüse vergiftet ist, dann bringt der größte Reichtum auch nichts mehr.

Ich fordere die Menschen aus den Industrieländern auf: Hört auf, uns zu erklären, wie wir leben sollen! Hört auf, uns Eure Kultur aufzuzwingen! Vielleicht ist es an der Zeit, uns Indigene nicht mehr wie ein Kind zu behandeln, das „sich entwickeln“ muss. Es ist an der Zeit, dass wir einander zuhören und gegenseitig voneinander lernen.“

Mit den letzten Worten setzt sie sich wieder auf ihren Stuhl. Von hinten sehe ich wie sich ihre Schultern im Rhythmus ihrer schnellen Atmung auf und ab bewegen.

In dem Befreiungskampf der EZLN spiet die Gleichstellung der Geschlechter und die Anerkennung der Rechte von Frauen eine große Rolle.

Ist unser Couchsurfer ein Magier oder Zapatist?

Nach dem Diskussionsabend bleiben wir noch lange wach und unterhalten uns über die neuen Informationen. Was wissen wir eigentlich über die zahlreichen Völker und Kulturen Mexikos? Was ist die aktuelle Situation dieser Völker? Schnell stellen wir fest: Wir wissen kaum etwas darüber.

Bevor wir also so blauäugig in einer der zapatistischen Gemeinschaften auftauchen, nehmen wir uns für die nächsten Wochen hier in San Cristobal vor, mehr über diese Zusammenhänge zu erfahren.
Es folgen: zahllose Stunden in Büchereien, anregenden Diskussionsabende, Vorträge, Workshops und Kontakte knüpfen.

Selbst unseren Couchsurfer – bei dem wir fast drei Wochen verbringen – haben wir ganz strategisch ausgesucht: Auf seinem Profilbild ist er mit mehreren Zapatistas zu sehen und wir hatten gehofft, von ihm ein paar Informationen zu bekommen.

Sein Haus liegt in einem abgelegenen Viertel der Stadt, irgendwo abseits der letzten Straße auf einem von Kieferbäumen bewaldeten Hügel. Das heruntergekommene Gebäude, aus großen Steinen gebaut und mit einer langen überdachten Terrasse vor der Haustüre, könnte das Haus eines Waldmagiers sein, so wie es da oben auf dem Hügel zwischen den Kieferbäumen thront. Drinnen ist es gemütlich. Ein langer mit Steinwänden gezierter Flur führt zum Wohnzimmer, dessen Wände mit eingerahmten Fotografien vollbehangen sind.

Ein postergroßes Bild von Subkommandante Marcos sticht besonders hervor. Er hat seine legendäre Pfeife im Mund, ein altes Sturmgewehr mit Patronengürtel hängt über seiner Schulter und ein Talisman aus haarigen getrockneten Tierpfoten ziert seine Brust. Subkommandante Marcos, die einstige „Stimme“ der EZLN, weltweit bekannt durch seine poetischen Reden, schaut uns durch den Schlitz der schwarzen Sturmmaske entgegen.

„Wir müssen die Welt nicht erobern. Es reicht sie neu zu schaffen. Heute. Durch uns!“- Subcomandante Marcos ist eine erschaffene Figur, die lange als Stimme der EZLN galt. Welche Person hinter der Sturmmaske steckte ist unklar, aber das spielt auch keine Rolle. Denn Marcos steht für „all die ausgebeuteten, marginalisierten, unterdrückten Minderheiten, die sich widersetzen und „Genug!“ sagen. Er steht für alle Minderheiten, die sich auflehnen und jene Mehrheit, die die Klappe halten und zuhören muss. Alles, was für die Machthaber und deren Gewissen ungemütlich ist – das ist Marcos. “

Misteriöse Geheimnisse

Hier sind wir ja an der richtigen Adresse um an direkte Kontakte zu den Zapatistas zu kommen denken wir uns beim Anblick der Fotos. Aber alles was wir unserem Couchsurfer nach zwei Wochen an Infos entlocken konnten, sind zwei äußerst fragwürdige und zudem sehr mysteriöse Details: Als Antwort auf unsere ungefähr schon hundert Mal gestellten Frage in welcher Verbindung er zu den Zapatistas steht, krempelt er stumm seinen Hemdsärmel hoch und legt eine riesige Narbe am Oberarm frei. Vier Buchstaben sind dort tief in die Haut geritzt worden: EZLN. Mehr sagt er dazu nicht.

Zwei Tage später winkt er uns zu sich, senkt verschwörerisch seine Stimme und offenbart uns im Flüsterton ein weiteres Detail: „Hinter dem Haus, in der Nähe vom Holzstapel- ihr wisst doch, da wo die große Hecke wächst. Habt ihr eine Idee was da vergraben ist? Da sind die Teile von dem Fluchtauto verbuddelt, dass wir damals 1994 im Befreiungskampf mit den EZLN benutzt haben“. Er schaut uns tief in die Augen und wendet dann den Blick mit einem verschwörerischen Nicken von uns ab.

Am Fenster sitzen die beiden anderen Mitbewohner Yusef und Ivan auf ihrem Lieblingsplatz in zwei blutroten ausgebauten Autositzen (die wahrscheinlich aus dem legendären, verbuddelten Jeep stammen). Yusef – ein sechzigjähriger Lebenskünstler und Straßenmusiker, der aussieht wie der Bruder von Mick Jagger und Ivan, der Lebensversicherungen verkauft und zu seinem Trinkwasser spricht um die Moleküle zu verändern, kommentieren die Szene mit einem kurzen Lachen und widmen sich dann wieder ihren Lieblingsthemen: Revolution, Aliens und die Herstellung von Pox – einem traditionellen Maisgetränk aus der Region.

Kleine Auszeit von politischen Themen: Jule verpasst Yusef eine neue Haarfrisur – für den Auftritt mit seiner E-Gitarre heute Abend.

Besuch im Caracol

In der Nähe von San Cristobal gibt es ein „Caracol“- eines der Organisationszentren der Zapatistas, in denen die selbstverwalteten Schulen, Krankenhäuser und die „guten Regierungen“ zu finden sind, das auch außerhalb größerer Veranstaltungen für Besucher*innen geöffnet: Das Caracol „Oventik“ .

Die Zapatistas bauen eigene Strukturen in den Bereichen Verwaltung, Bildung, Gesundheit, Rechtsprechung und Ökonomie auf. Sie lehnen jegliche Annahme von Regierungsgeldern ab, um nicht in Abhängigkeitsverhältnisse zu geraten.

Die Caracolos sind die Organisationszentren der zapatistischen Autonomen Gemeinden und fungieren als Kommunikations- und Logistikzentren der jeweiligen Region. Oft gibt es hier eine Infrastruktur für größere Veranstaltungen und Raum für den Austausch mit Besucher *innen. Darüber hinaus werden hier auch kollektiv betriebene Läden, Werkstätten, Kultureinrichtungen und vereinzelt auch weiterführende Schulen und Krankenstationen betrieben. In den Caracoles kommt auch die Junta de buen gobierno („Rat der guten Regierung“) zusammen.

Zwischen kurdischen Freiheitskämpfern und italienischem Chianti

Nach ein paar Tagen hören wir von der Menschenrechtsorganisation Frayba, die internationale Beobachter*innen in jene indigene Gemeinschaften schickt, die wegen ihres politischen Aktivismus Morddrohungen und Übergriffen von Seiten des Staates, Auftragskillern und Narcos ausgesetzt sind.

Um mit dabei zu sein, müssen wir noch mit den Leuten von Nodo Solidale- einer anarchistische Organisation aus Italien – einen Vorbereitungskurs machen, um die Zusammenhänge der Wiederstandbewegungen in Chiapas besser verstehen zu können.

So lernen wir Giuseppe kennen – italienischer Anarchist, der als Freiheitsämpfer im Kurdengebiet aktiv war und seit mehr als 20 Jahren die indigenen Widerstandbewegungen in Mexiko unterstzützt. Der Vorbereitungskurs sollte eigentlich nur zwei Stunden dauern aber Giuseppe* ist nicht zu bremsen, schüttet sich vergnügt das fünfte Weinglas voll, schlürft genüsslich den italienischen Chianti aus dem halbrunden Glas und fährt unbekümmert fort. Mein Gehirn glüht bereits von den ganzen neuen Informationen, Jahreszahlen und Fakten, die seit vier Stunden aus dem kleinen stämmigen Italiener nur so heraussprudeln.

„Ach und falls das mit den Zapatistas nicht klappt, kann ich Euch den Kontakt zu den Compas von CODEDI geben. Die haben da im Bergland von Oaxaca, mitten im Dschungel ein Autonomes Zentrum, die „Finca Alemania“ gegründet, wo Kinder und Jugendliche alles Mögliche lernen können; Schreinern und Theaterspielen zum Beispiel.“ wirft Giuseppe zum Abschied noch in den Raum.

In diesem Moment wussten wir noch nicht, dass wir uns einen knappen Monat später an der Seite der Compas von CODEDI zwischen 160 schwer bewaffneten Polizisten wiederfinden würden und selbst Zeuginnen der starken staatlichen Repression werden würden.

Aber davon erzählen wir Euch im nächsten Blogeintrag….

Links stehen Lisa und Elodie aus Frankreich um den Konflikt mit ihren Kameras fest zu halten. Meist – vor allem in abgelegenen Gebieten wie hier auf der „Ex-Finca Alemania“ – werden Fakten zu Gunsten des Staats verdreht.

Worum es in dem Konflikt ging und wie das tägliche Leben in der autonomen Gemeinschaft mitten im Dschungel von Oaxaca aussieht, erzählen wir euch im kommenden Blogeintrag.

Einsatz als Menschenrechtsbeobachterinnen

Mit Frayba landen wir nicht bei den Zapatistas sondern in Chicomuselo- einer von Menschenrechtsverletzungen bedrohten Gemeinschaft an der Grenze zu Guatemala. Die Leute aus der kleinen Dorfgemeinde rebellieren gegen die von kanadischen Großunternehmen geplanten Bergbauprojekte. Das gefällt den Investoren und Regierenden gar nicht. Deshalb werden die Aktivst*innen mit Erpressungen, Morddrohungen und Angriffen eingeschüchtert werden.

Außerdem hat sich auch seit ein paar Monaten die Militärpräsenz im Dorf erhöht. Graue Militärfahrzeuge kriechen in regelmäßigen Abständen bedrohlich die Hauptstraße entlang. Sie sind mit in Tarnanzügen gekleideten Männen beladen, die ihr schwarzes Xiuhcóatl fx- 05 Sturmgewehr schussbereit vor ihrer Brust präsentieren.

Offiziell wurden die militärischen Kräfte erhöht, um den Flüchtlingsstrom aus den mittelamerikanischen Ländern in Richtung USA zu stoppen. Wenn man einer rebellierende Gemeinde mit der Präsenz auch noch Angst einjagen kann sind praktischerweise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen…
Giuseppe hatte uns erzählt, dass das mexikanische Militär die Institution mit der höchsten Rate an Menschenrechtsverletzungen im Land sei: Willkürliche Haft, Vergewaltigungen, Folter, „Verschwindenlassen“, außergerichtliche Hinrichtungen…

Deswegen ist es nun als Menschenrechtsbeobachterinnen für die kommenden zwei Wochen unsere Aufgabe, die Militärpräsenz und alle weiteren außergewöhnlichen Vorkommnisse zu dokumentieren. Ein kleiner grüner Park im Zentrum des Dorfes ist der Ausgangspunkt für unsere Beobachtungen. Hier sitzen wir zwölf Stunden am Tag auf einer metallenen Bank – zwei Wochen lang, jeden Tag – um eben jene militärischen Aktivitäten im Dorf zu beobachten und mit präziser Zeit- und Ortsangabe zu notieren.

Nach ein paar Tagen sind wir so paranoid dass uns eigentlich alles verdächtig erscheint. Der Mann auf der anderen Seite des Parks, der uns durch die Blätter hindurch zu beschatten scheint, die Frau die sich neben uns setzt und uns auffallend viele Fragen stellt, der Soldat, der mit seinem Handy heimlich ein Foto von uns zu knipsen scheint….

In Chicomuselo sollen wir jeglichen militärischen und andere verdächtige Aktivitäten dokumentieren.

Erinnerung an das Massaker von „Acteal“ bei dem im Jahr 1997 45 Frauen, Männer und Kinder durch Paramilitärs getötet wurden. Die Opfer waren Mitglieder der friedlichen Organisation „Las Abejas“ – die sich im politischen Kampf gegen Unterdrückung und für Selbstbestimmung mit den Zapatisten solidarisiert hatten. Bis heute sind die Verantwortlichen für das Massaker nicht zur Verantwortung gezogen worden.

Wir gingen, ohne um Erlaubnis zu bitten, und jetzt sind wir wieder bei euch.

Nachdem wir auch mit Frayba in keiner zapatistischen Gemeinschaft gelandet sind und die Bewegung gerade mitten in internen Umstrukturierungsprozessen steckt, wollen wir uns auf den Weg in die Berge von Oaxaca machen, um dort die „Finca Alemania“ zu besuchen.

Es ist der letzte Tag in San Cristobal und unsere Fahrräder warten schon reisefertig vor der Tür auf uns. Ich stehe in der Küche und schaue gedankenverloren den kleinen Bläschen zu, die sich langsam auf dem Topfboden abzuzeichnen beginnen und ankündigen, dass mein Wasser bald bereit zum Teeaufschütten ist.

„Juliaaaaa“ höre ich meinen Namen aus der anderen Ecke der Wohnung durch das Steingemäuer fliegen. Dann folgt ein lautes „Juhuuuu!“. Nanu, denke ich mir. Was ist denn los? Ich lasse von den kleinen Bläschen ab und strecke meinen Kopf aus der Küchentür.

„Was gibt’s denn?“ frage ich neugierig. „Die Zapatistas haben gerade auf ihrer Webeite eine Meldung raus gebracht und schreiben, dass sie in den kommenden Monaten verschiedene Aktionstage und Treffen organisieren werden!“ im Laufe des Satzes kommt Lisas Stimme immer näher, bis sie schließlich vor mir steht und aufgeregt vorzulesen beginnt:

„..Wir wissen auch, dass Rebellion verboten ist, so wie Würde und Wut verboten sind. Aber auf der ganzen Welt gibt es in den vergessensten und verachtetsten Winkeln Menschen, die Widerstand leisten, von der Maschine gefressen zu werden und nicht aufgeben, sich nicht verkaufen und nicht nachgeben. Wir gingen, ohne um Erlaubnis zu bitten, und jetzt sind wir wieder bei euch…und laden Euch ein, unsere Arbeit kennenzulernen!“

Endlich ein Hoffnungsschimmer! Da aber die meisten Veranstaltungen am Ende des Jahres stattfinden werden, wollen wir in ein paar Monaten nochmal nach Chiapas zurück kommen.

Mit unseren Fahrrädern radeln wir über die Küste, durch die Berge und die Wüste Oaxacas Richtung Norden nach Mexiko Stadt. Dazu bald mehr im nächsten Blogeintrag.

Rückkehr nach San Cristobal

Es ist winterlich kalt als wir Ende Dezember wieder zurück nach San Cristobal kommen. Die Atmosphäre in der Stadt hat sich verändert. Draußen sind kaum Leute unterwegs,nur die blätterlosen Bäume mit ihren braunen, kahlen Ästen prägen das Straßenbild.
Unser Fahrrädern haben wir in Mexico Stadt bei einem Freund untergestellt und uns per Anhalter nochmal auf den Weg zurück nach San Cristobal gemacht, denn die Zapatistinnen haben zum zweiten internationale Frauentreffen (Encuentro de mujeres que luchan) eingeladen. Das wollen wir uns auf keinen Fall entgehen lassen.

Unsere Fahrräder hatten wir in Mexiko Stadt bei einem Freund stehen gelassen und trampten von dort aus wieder die Strecke zurück nach San Cristobal um am Frauentreffen der Zapatistinnen teil zu nehmen.

Weihnachtsessen im Gefängnis

Vorher ist heute am zweiten Weihnachttag noch ein Besuch im Gefängnis geplant. Mit Aktivist*innen aus der Casa Gandhi treffen wir uns Morgens am Markt, um für eine Gruppe politisch Gefangener im Gefängnis ein Weihnachtsessen zu organisieren.

Wir kaufen Fleisch, Brot und Gemüse. Früchte sind im Gefängnis nicht erlaubt, weil man sie fermentieren und als Alkohol trinken könnte. Bei dieser Aussage muss ich etwas schmunzeln, Klar- im Gegensatz zu dem was sonst so alles ins Gefängnis geschleust wird ist eine fermentierte Frucht schon ziemlich bedrohlich…

Ein keiner Bus bringt uns zum Gefängnis. Von Stacheldraht gekrönte Betonmauern, vor denen vereinzelt kleine Baracken mit uniformierten Kontrollbeamten stehen, erheben sich bedrohlich in den Himmel. Schwarze Vögel, vielleicht sind es Raben, ziehen in Schwärmen ihre Kreise über dem Wachturm. Starr und feindselig wirkt das Gebäude auf mich, hinter dessen grauen Wänden unsere Compas als politisch Gefangene unschuldig festsitzen.

In einem der Baracken geben wir unsere Pässe ab und gehen von dort zur Gepäckkontrolle wo unser Einkauf halbherzig durchsucht wird. Ein träger Blick in die Tüte ist alles, zu was sich die Beamten aufraffen können.

Danach werden wir von einer gelangweilt dreinschauenden Polizeibeamtin abgetastet und durch eine Gittertür in eine Art Käfig gewunken, bei dem es einen Ausgang und einen Eingang gibt. Der Wächter öffnet uns den Eingang, schließt die Tür mit seinem fetten, bedrohlich klirrenden Schlüsselbund zu und läuft durch einen Gittergang, der sich parallel neben dem Käfig befindet, auf die andere Seite, um uns raus zu lassen. Die daran anknüpfende Steintreppe führt an zwei weiteren Wachposten vorbei und schließlich zu dem kleinen Hof, wo die Compas untergebracht sind.

Dieser Bereich befindet sich noch vor dem eigentlichen Hauptgebäude. Es ist eine Art „Notunterbringung“ für die rebellierenden Aufständischen, damit es im Haupttrakt ruhig bleibt. An den Wänden hängen Bettlaken mit politischen Parolen. „Solidarität mit der EZLN“ und „Wir fordern Gerechtigkeit für alle politisch Gefangene!“ ist darauf zu lesen.

Prof. Alberto Patishtán Gómez ist Aktivist der „Voz del Amate“. Er saß mehrer Jahre unschuldig im Gefängnis und kämpft nun für die Freilassung seiner Compas. Hier sind wir auf dem Menschnerechtsbeobachte*rinnen Kongress in Oaxaca.

Mein einziges Verbrechen ist es, Indio zu sein

Wir werden herzlich begrüßt. Die Leute von Casa Gandhi kommen regelmäßig hierher und kennen die Jungs schon seit einer ganzen Weile. Es sind neun Männer, alle zwischen 26 und 50 Jahre alt.

Sie sitzen seit mehr als zehn Jahren hier und es erwarten sie noch 30 Jahre mehr. Unschuldig. Willkürlich verurteilt für Verbrechen, die sie nie begangen haben. Es sind Männer, die aus ländlichen Gegenden stammen und zum Zeitpunkt der Verhaftung weder der spanischen Sprache mächtig waren, noch über die finanzielle Mittel verfügten, sich einen Anwalt zu leisten. Einen fairen Prozess gab es nie. Die Erfindung von Straftaten ist eine systematische Methode der mexikanischen Regierung, um Aktivistinnen und Aktivisten zu kriminalisieren.

Trotz Folter und Schikane habe sie sich nicht unterkriegen lassen, sondern ihre Unschuld verteidigt, spanisch gelernt und sich als „Voz del Amate“ ( Stimme des Amate/ Gefängnis) gegen das Unrecht organisiert.

Ein paar Compas, wie der Aktivist Alberto Patishtán Gómez sind nach langem Kampf und Druck von verschiedenen Menschenrechtsorganisationen nun endlich frei, wobei es nie eine Aufarbeitung seines Falles gab.

Juan erzählt mir, dass es sein großer Traum ist, mal auf Reisen zu gehen und die Welt kennen zu lernen. „Sie haben mir die Freiheit geraubt. Aber ich weiß, dass ich unschuldig bin! Mein einziges Verbrechen ist es, Indio zu sein. Durch die Unterstützung und den gemeinsamen Kampf habe ich Mut und Selbstvertrauen entwickelt und ich weiß, dass ich bald frei sein werde!“

„Was fehlt dir am meisten? “ frage ich ihn gegen Ende des Gesprächs. „Meine Freiheit“. Er lacht. Dann schaut er mir mit ernstem Blick tief in die Augen. „Nein, eigentlich fehlt mir nichts. Ich lebe, bin gesund, fühle, er-lebe.Ich kann die alltäglichen Dinge genießen: Essen, Schlaf, Ruhe, ein Blick in den Himmel. Es gibt Compas, die über Jahre lang in einer Zelle ohne Tageslicht eingesperrt sind, im Gegensatz dazu geht es mir doch ganz gut! Ich lebe. Das ist alles was ich brauche!“

Wir verabschieden uns mir einer innigen Umarmung. Dann bewegt sich unsere Gruppe zum Ausgang. Kurz vorher bleiben die Jungs stehen. „Bis hier hin können wir euch begleiten, weiter nicht“ kommentieren sie mit einem traurigen Lächeln.

Als wir gehen muss ich mit den Tränen kämpfen Wer hat die Macht darüber zu entscheiden, was Recht und Unrecht ist? Und wer kontrolliert jene, die durch das „Gesetz“ so machtvoll sind, dass ihre Ungerechtigkeit folgenlos bleibt? Dann schwirren mir die Worte von Henry Thoreu durch den Kopf : „Ich finde, wir sollten erst Menschen sein, und danach Untertanen. Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit.“

Außenpolitisch verkauft sich die mexikanische Regierung relativ erfolgreich als die Vertretung eines demokratischen Rechtsstaats.  Doch das Land ist geprägt von Menschenrechtsverletzungen wie willkürlichen Verhaftungen, (sexualisierter) Folter, extralegalen Hinrichtungen, gewaltsamen Verschwindenlassen und Verfolgung. Einem besonderen Risiko sind Journalistinnen und Journalisten, zentralamerikanische Migrantinnen und Migranten, Menschenrechts-, Umwelt- und Landverteidigerinnen und -verteidger ausgesetzt.(Quelle: Amnesty International)

Willkommen zum zweiten internationalen Treffen der Frauen die kämpfen

Am Morgen des 26. Dezembers machen wir uns per Anhalter au den Weg Richtung Frauentreffen. Wir haben Glück – ein Bus voller Frauen, die aus Mexiko-Stadt zum Treffen unterwegs sind, nimmt uns mit.

Als wir im Caracol ankommen ist es schon dunkel. Ganz gespannt steigen wir aus dem Bus und stellen uns in die lange Schlange von Frauen, die alle vor einem kleinen Häusschen anstehen, um sich registrieren zu lassen. Dazwischen laufen Frauen mit schwarzen Sturmmasken oder roten Halstüchern „Paliacate“ herum, die ihre Gesichter bedecken: Die Compañeras Zapatistas! Ganz ruhig und entspannt koordinieren sie die Teilnehmerinnen, die nach und nach eintreffen.

Als Lisa und ich mit der Registrierung durch sind steigen wir mit zwanzig anderen Frauen auf die offene Ladefläche eines Transporters der uns zum Gelände bringen soll. Unter dem klaren Sternenhimmel rumpeln wir Richtung Haupteingang in die, für die nächsten Tage männerfreie Zone.

Auf einem kleinen grasbewachsenen Hügel, von dem aus wir eine gute Aussicht über das ganze Gelände haben, schlagen wir unser Zelt auf. Dann setze ich mich im Schneidersitz auf das feuchte Gras und lasse meinen Blick über die Szenerie streifen. Taschenlampenlichter fliegen wie Glühwürmchen durch die lauwarme Nacht. Ein Meer aus Stimmen, Gelächter und Rufen strömt durch die Luft. Es sind Frauenstimmen. Ausschließlich Frauenstimmen. Ich fühle mich eines Traumzustands gleich. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich an einem Ort bin wo ausschließlich nur Frauen sind und mir scheint es, als sei ich von der Erde aus auf einem anderen Planeten katapultiert worden.

Männerfreie Zone

„Das Recht auf Leben und alle Rechte, die wir verdienen und brauchen, wird uns niemand schenken. Das Recht auf Leben und alle anderen Rechte müssen wir erobern. Zu jeder Zeit und an jedem Ort. Das heißt für die Frauen die kämpfen gibt es keine Ruhe.

Deshalb versammeln wir uns Schwester und Compañera.
Um unseren Schmerz und unsere Wut herauszuschreien.
Um uns zu begleiten und zu bestärken.
Um uns zu umarmen.
Um zu wissen, dass wir nicht alleine sind!

Laut ertönt die feste Stimme der „Comandanta Amada“ aus dem Lautsprecher und donnert über den großen staubigen Platz hinweg. Es ist zehn Uhr Morgens und die mexikanische Sonne brennt erbarmungslos auf uns herab. Hier vor dem Podest, auf dem Amada ihre Rede hält, haben sich in einem großen Kreis fast viertausend Frauen aus aller Welt versammelt, die alle gespannt den Worten der Kommandantin folgen .„Wie hast du dich organisiert? Was hast du gemacht? Was ist passiert? Es heißt, dass es Fortschritte in den feministischen Kämpfen gibt. Aber sie (die Männer) bringen uns immer weiter um.“ Für drei Tage sind wir hier in den Bergen von Chiapas zusammengekommen wegen eines Themas, das uns alle verbindet: Die (all -) tägliche durch Männer zugefügte Gewalt, der wir ausgesetzt sind. Häusliche Gewalt, Morde, Misshandlung, Vergewaltigung, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Unterdrückung, Sexismus.

„Wir sind Frauen, die leiden! Aber wir sind auch Frauen die denken und sich organisieren. Und vor allem sind wir Frauen, die kämpfen!“

.Die Zapatistas bestehen aus autonom und demokratisch organisierten zapatistischen Gemeinden.und einem politisch-militärisch Zweig. Die Compañeras Insurgentas und Milicianas sind damit beauftragt auf uns aufzupassen und uns in diesen Tagen und an während des Treffens zu beschützen.

Mit den compañeras bei der Eröffnungsrede des zweiten internationalen Frauentreffen.

Der gemeinsame Kampf  gegen häusliche Gewalt, Frauenmorde und für ein Recht auf legale, sichere Abtreibung vereinigt die Frauen in Lateinamerika.

Gemeinsam können wir etwas verändern

Am nächsten Morgen krieche ich noch vor Sonnenaufgang aus dem Zelt heraus. Kalter Wind kommt mir entgegen und fegt durch die hügelige Berglandschaft. Auf dem Weg zur einer nahegelegenen Weide, steigt mir der Geruch von Räucherwerk in die Nase, dann sehe ich weiter unten im Gras eine Gruppe Frauen in einem Kreis zusammen sitzen. Die älteste der Teilnehmerinnen, trägt ein langes braunes Kleid und verteilt Kerzen an die anderen im Kreis. Mit einer leichten Drehung wendet sie anmutig ihren Blick zum Tal und stößt einen kraftvollen Schrei aus.

Wie verzaubert folge ich einem schmalen Pfad nach unten und setze mich zu den Frauen dazu. Sie öffnen den Kreis und die Älteste im brauen Kleid überreicht mir eine Kerze.
Dann richtet sie ein paar dankende Worte an diesen Ort, an die Natur und unsere Mutter Erde. Kurz darauf lädt sie uns ein, nacheinander unsere Kerze anzuzünden und dabei einen Wunsch oder eine Bitte laut auszusprechen.

Eine der Frauen erzählt, wie viel Stärke und Ausdauer es sie gekostet habe, gegen die Vorstellungen ihres Ehemanns und ihrer Familie zu kämpfen, um hier her zu kommen. „Ich hatte zwar immer schon die Kraft, mich für andere einzusetzen denen Unrecht widerfahren ist. Aber ich selbst habe alle Erniedrigungen und Verletzungen hingenommen. So als sei dies mein unablässiges Schicksal als Frau, die ich bin. Eine Bürde mit der ich zu leben habe!“

Bei diesen Worten laufen ihr dicke Tränen über die Wangen.

„Danke Schwestern für die Kraft. Ich werde als eine andere Person zurück nach Hause kehren. Klarer denn je, sehe ich die Notwendigkeit zu einer grundlegenden Veränderung und sie hat bereits begonnen, denn sie kommt von innen heraus aus einem neuen Bewusstsein.“

Nach fast zwei Stunden schließt die Frau im braunen Kleid den Kreis. Die Mittagssonne hat den den letzten Nebel aus dem Tal vertrieben und den kalten Wind vom Morgen in eine angenehme warme Brise verwandelt.

Vereint in Schwesternschaft spüren wir die Verbundenheit in unserem gemeinsamen Kampf für einen gerechtere Gesellschaft.

Auf dem Treffen wird nochmal klar, dass die Kämpfe der Frauen in aller Welt zwar in der Essenz die gleichen sind, aber nochmal vor dem jeweiligen kulturellen Hintergrund betrachtet werden müssen. Eine westeuropäische Frau hat mit anderen Hürden zu kämpfen als zum Beispiel eine aus Lateinamerika, Afrika oder Asien stammende Frau.

Frauenmorde, häusliche Gewalt, Machismo und Ausgrenzung der LGTBQ Community ist in Lateinamerika an der Tagesordnung. Viele Mexikanerinnen aus ländlichen Gegenden unterliegen dem „Mandat des Ehemannes“, bekommen oft mit fünfzehn Jahren schon ihr Erstes der im Durchschnitt sieben Kindern, haben keinen Zugang zu Bildung und sind der täglichen Unterdrückung und Gewalt schutzlos ausgeliefert.

Katharsis

Es sind aufwühlende Tage. Viele der Frauen teilen ihre Gewalterfahrungen, schreien ihre Wut und Schmerz ins Mikrofon. Unzählige Workshops, Gesprächsrunden, Ausstellungen Wir singen, toben, tanzen, brüllen, lachen und weinen gemeinsam. Es sind drei Tage einer kollektiven, längst überfälligen Katharsis.

„Bum, Bum, Bum.“ harte Trommelschläge durchbrechen die Stille, die sich über dem Hauptplatz ausgebreitet hat. Wie bereits zur Eröffnung des Treffens haben wir uns am letzten Tag nochmal in einem großen Kreis zusammengefunden. Diesmal für eine gemeinsame Performance. Eine Stimme ertönt:  „Heute steht unser Körper repräsentativ für jede Verschwundene und Vermisste und unsere Stimme geben wir all den Schreien und Hilferufen, die nie gehört worden sind.“

Dann setzt die Musik wieder ein und wir beginnen uns Schritt für Schritt langsam im Takt der Trommelschläge fortzubewegen. Mit gesenkten Köpfen stampfen wir voran. Die Stimmung wirkt bedrohlich, der aufgewirbelte Staub legt die Szenerie in ein schmutzig gelbes Dämmerlicht. Dann werden die Trommelschläge schneller und noch eindringlicher. Wir packen uns abwechselt an den Schultern und gehen dann auf unseren Knien zu Boden.

Zustand purer Ekstase. Wir schütteln unsere Köpfe, schreien, kreischen, schlagen unsere Fäuste in die Luft

Die Musik bricht ab und unsere Körper fallen wie gelähmt in den trockenen Staub.

Stille.

Die Stimme ertönt ein zweites Mal: „Wenn ein Mensch als Frau geboren wird, muss sie sich ihr Leben lang dem vorgefertigten Weg unterwerfen, der für sie konstruiert worden ist. Sie muss sich einem patriarchalen System fügen, in dem sie ausgebeutet und misshandelt wird. Aber es gibt Frauen die aufstehen und ür eine Welt kämpfen, in denen nicht mehr die Gewalt sonder Liebe herrscht! Lasst und jetzt wieder aus dem Staub aufstehen und gemeinsam mit neuer Zuversicht, in die Zukunft blicken. Eine Zukunft, deren Gestaltung in unseren Händen liegt! EIN HOCH AU DIE FRAUEN DIE KÄMPFEN!“

Dann stellen wir uns wieder auf. Diesmal stolz und selbstbewusst, mit Mut und Kraft, den Blick verheißungsvoll Richtung Zukunft gerichtet

Wer bestimmt wer wir zu sein haben?

Wir leben in einem System, dass auf Dominanzstrukturen aufgebaut ist. Es ist ein patriarchales System, dass nicht nur den Frauen, Bi, Trans, Queer, Lesbian und Gay People das Leben schwer macht, sondern auch den Männern selbst, weil sie Opfer ihrer falschen Rollenvorstellungen sind. Was ist denn eigentlich ein „Mann“ und was eine „Frau“?

Für ein System, dass auf Warenproduktion und Konsumismus basiert, kann ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis nicht förderlich sein. Kosmetikindustrie, Schönheitschirurgie, Pornoindustrie, Autoindustrie, Fußball, Modeszene etc.– was wären all diese kapitalistischen Produktionszweige OHNE ein gesellschaftlich akzeptiertes, gemeinhin verbreitetes und von allen angenommenes Rollenbild von Mann und Frau?

Es ist an der Zeit, diese falschen Bilder zu dekonstruieren.

Das „System“ in dem wir leben, ist ein Gefüge all jene Strukturen, die jede*r Einzelne von uns kreiert und aufrecht erhält. Es ist nichts, das „über“ uns steht, sondern WIR kreieren die Realität dieser Welt, in der wir leben.

Und deshalb haben wir es in der Hand, diese Realität zu ändern.

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