Lilly Schindele-  von Deutschland in die Wildnis Patagoniens

Art: Aussteigerin
Schwerpunkte: Landwirtschaft, biologischer Gartenbau, Ökotourismus
Umgebung: Ländlich
Bewohner*Innen: Eine Familie (Lilly, ihr Mann Rosendo und die zwei Kinder Bernardo und Lorena)
Sprachen: Spanisch, Deutsch
Gründungsjahr: 1996
Land: Chile
Gäste willkommen? Ja

Hier könnt Ihr Kontakt mit Lilly aufnehmen

Wie lange lebst Du schon hier, Lilly?

Seit 1996, also mehr als 20 Jahre. Meine erste Reise habe ich mit meinen Brüdern und Freunden gemacht. Die beiden sind Kletterer gewesen und waren vorher schon öfter in Patagonien. Normalerweise haben meine Brüder immer die aufregenden Reisen gemacht und ich musste Zuhause bleiben. Aber diesmal waren wir alle zusammen unterwegs. Das war großartig! Ich habe mich sofort in Patagonien verliebt und war zwei Monate im Nationalpark. Durch Zufall bin ich dann auf die Careterra austral gestoßen und die Landschaft, die Leute und das Leben hier haben mich fasziniert. Ich hatte vorher mal ein Buch gelesen hat von einer Engländerin. Die ist mit dem Pferd durch Chile geritten. Und als ich hier war da dachte ich, das wäre der richtige Ort für eine längere Tour mit den Pferden. In Deutschland hatte ich schon mal ein Wanderritt gemacht, aber das hier war ganz anders – Wildnis pur. Nach dieser Reise mit meinen Brüder bin ich dann also nochmal alleine aufgebrochen und bin mit den Pferden los geritten. Mit einer alten Militärkarte und Kompass. Dabei habe ich meinen Mann, den Rosendo , kennengelernt.

Warum hast du dich für das Leben als AussteigerIn entschieden?

Wegen der Liebe. Die Landschaft und Lebensqualität. Das war alles so gar nicht geplant. Ja, das war eine pure Entscheidung von Herzen.

Was hast du vorher gemacht?

Ich habe Bauzeichnerin gelernt und eigentlich immer nur in Süddeutschland gelebt.
Als klar war, dass ich in Patagonien bleiben würde, haben wir hier in der Nähe eine kleine Scheune gefunden, in der wir gelebt haben, Rosendo und ich.
Das war richtig urig. Die Wände waren aus Holz und überhaupt nicht isoliert. Zum Heizen mussten wir unser eigenes Holz hacken gehen. Manchmal lag draußen so hoch Schnee, dass wir gar nicht mehr ins Dorf konnten. Ich habe in der Zeit viel über mich selbst gelernt und das hat mich und Rosendo extrem zusammen geschweißt. Patagonien pur war das!
Irgendwann haben wir dann unser jetziges Grundstück gefunden. Meine Eltern haben mich bei dem Kauf des Grundstücks finanziell unterstützt. Rosendo und ich hätte uns das sonst womöglich nie leisten können. Zu dem Grundstück gab es aber noch keine Straßenverbindung und keine Brücke über dem Fluss. Wir mussten alles mit dem Pferd oder Zu Fuß transportiert. Das war sehr mühsam! Auf dem Grundstück stand ein altes Haus. Darin haben wir ein paar Jahre gelebt und uns dann alles nach und nach, ganz langsam aufgebaut. Irgendwann haben wir das Haus gebaut, in dem wir jetzt Leben.

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Und war das nicht manchmal sehr mühsam mit zwei Kindern hier draußen?

Unsere Kinder haben hier extrem viel gelernt. Die können sich auch kein anderes Leben mehr vorstellen. Als Bernando sieben Jahre alt wurde, haben wir während der Woche in Cochrane gelebt. Das wäre mit der Schule sonst gar nicht anders gegangen. Und die Kinder sollen auch eine Möglichkeit haben, andere Leute kennen zu lernen. Freunde finden.
Glücklich kann man überall werden – das liegt nicht am Ort sonder an einem selbst.

Was vermisst du?

Meine Familie in Deutschland. Ja, dieser große Abstand zur Familie ist schwierig. Das ist mir erst bewusst geworden als ich weg war. Aber die Natur ist meine Welt. Ich habe meine Entscheidung nie bereut.

Was ist kompliziert?

Vor allem die Gesundheitsversorgung. Von hier sind es acht Stunden bis zum nächsten Krankenhaus. Manchmal fehlen auch wichtige Sachen die wir so brauchen. Aber die Leute hier sind sehr hilfsbereit. Ansonsten müssen wir halt Kreativ werden und irgendwie eine Lösung finden.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf bei Euch aus?

Wir genießen das, keinen geordneten Tagesablauf zu haben und jeden Tag neu zu entscheiden, was wir heute machen. Aber an erster Stelle steht generell die Verantwortung gegenüber unseren Kindern und den Tieren. Dann fallen die in der Landwirtschaft alltäglichen Dinge an: Stall misten, Mähen, Garten bestellen und so weiter. Seit ein paar Jahren haben wir außerdem einen kleinen Campingplatz mit Refugio. Wenn Besucher da sind, unternehmen wir Ausritte und Wanderungen mit unseren Gästen. Ich stelle auch eigene Sachen her, wie Brot und Marmelade, die wir im kleinen Hofladen verkaufen.

Wie viel Geld brauchst du und wofür?

Unsere Hauptausgabe ist das Benzin, um nach Cochrane zu kommen. Dort gehen die Kinder zu Schule und wir kaufen dort die Sachen, die wir selbst nicht anbauen können. Was noch? Wir produzieren sehr viel selbst und unsere Kleidung kaufen wir meistens aus zweiter Hand. Aber wenn mal jemand ernsthaft krank würde – das wäre scheiße…

Wie stellst Du dir die Zukunft vor?

Ich wünsche mir eine gesunde und entspannte Zukunft mit meiner Familie. Wir haben seit ein paar Jahren einen Campingplatz und wollen ein Netzwerk mit unseren Nachbarn und Nachbarinnen aufbauen, um den Ökotourismus hier in Patagonien zu fördern.
Und ich war acht Jahre lang in dem Netzwerk „Patagonia sin Represas“ aktiv mit dabei. Damals plante HydroAisen ein riesiges Staudammprojekt hier in der Gegend. Die wollten fünft große mega Staudämme bauen. Das hätte einen extremen Eingriff in die Natur und Verlust von Land bedeutet. Unser Grundstück lag mitten im Flutungsgebiet. Aber Dank unserem aktiven Widerstand und der Unterstützung von vielen NGO’s, Nachbarn und Rückhalt aus der Bevökerung konnten wir das Projekt verhindern! Das war ein großartiges Gefühl! Ja..also obwohl ich die Einsamkeit sehr liebe, bin ich aber trotzdem sehr aktiv mit Organisationen und Aktionsgruppen vernetzt. Also, in Zukunft möchte ich auch wieterhin aktiv sein und mit der Gemeinschaft was Gutes aufbauen.

Hier ein ausführlicher Artikel von BRIGTTE (2008) über Lilly und die Zeit, als das kleine Paradies durch die Interessen des Großkonzerns „ENDESA“ bedroht war

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