Ohne Flugzeug durch das Darién Gap

Zwischen Kolumbien und Panama erstreckt sich das sogenannte Darien Hindernis – ein straßenloses Gebiet aus dichtem Dschungel und Sumpfland, Sammelplatz nicht nur von Schlangen, Skorpionen und giftigen Fröschen sondern berüchtigt vor allem wegen des regen Drogenhandels und korrupten Paramilitärs. Um ohne Flugzeug von Süd- nach Zentralamerika zu kommen, müssen wir dieses Gebiet irgendwie durchqueren. Die Frage ist nur wie…

Nach ein paar Recherchen haben wir folgende Möglichkeiten für uns herausgefunden: A) von Cartagena, einer Kolonialstadt an der Karibikküste Kolumbiens mit einem Segelboot nach Panama trampen. B) von Turbo aus, einer abgelegenen kolumbianischen Fischerstadt, mit verschiedenen Booten von Dorf zu Dorf am Darien Gap entlang, bis zur Panamericana in Panama C) durch das Gebiet hindurch wandern.

In dieser Reihenfolge wollen wir es versuchen, wenn Plan A nicht klappt, haben wir noch Plan B und C und so weiter. In Cartagena geht es los…

Die Panamericana, ein ca. 25.000 Kilometer langes Straßennetzwerk welches den ganzen amerikanischen Kontinent von Alaska bis Argentinien verbindet, ist zwischen Panama und Kolumbien für einige hundert Kilometer unterbrochen. Hier erstreckt sich das berüchtigte Darien Gap.

Bunte Gassen. Kolonialarchitektur. TouristInnen. Hutverkäufer. Museumsatmosphäre. Cartagena war eine der ersten spanischen Kolonien im Norden Südamerikas. Sie wurde im 16. Jahrhundert gegründet und diente als wichtige Hafenstadt für den Handel von Waren. Heute gehört das Stadtzentrum zum UNSECO Weltkulturerbe, das von Besucherströmen überlaufen ist und von diesen bestaunt werden kann. Ein paar Meter außerhalb des gut vermarkteten Zentrums liegen die Armenviertel der Stadt. Hier leben die Menschen, für die der Glanz der frisch restaurierten Kolonialgebäude, der schicken Cafés und der Modeboutiquen für immer unerreichbar bleiben wird.

Cartagena – die Stadt hat viele Gesichter: die glanzvolle Innenstadt, der Geschäftsbezirk mit modernen Hochhäusern, die restaurierungsbedürftigen Randviertel und die Slums rund um die Stadt.

Ein paar Meter außerhalb des gut vermarkteten Zentrums liegen die Armenviertel der Stadt.

Siesta – eine fette Katze hat es sich in einem der Kolonialgebäude gemütlich gemacht.

Plan A: Segelboottrampen

Am Stadthafen treffen wir ein paar andere Reisende, die auch nach einem Boot suchen. Zwei von ihnen sitzen gerade am Pier auf dem Boden uns spielen Schach. Irgendwie sehen die beiden aus, als hätten sie schon eine ganze Weile hier verbracht. Ob sie schon Aussichten auf ein Segelboot hätten, wollen wir wissen. „Trampen scheint hier ziemlich schwierig zu sein. Die meisten Segelboote sind Charter Boote und wollen um die fünfhundert Dollar pro Person“.

Das ist leider keine neue Information. Wir hatten schon gelesen, dass es mit dem Bootstrampen ein bisschen schwierig werden könnte, weil mit Segeltörns hier ein fettes Geschäft gemacht wird. Tourist*innen können von Cartagena aus über die paradiesischen San Blas Inseln nach Panama segeln und müssen dafür ziemlich tief in die Tasche greifen.

Wir schlendern weiter über den Steg um uns einen eigenen Eindruck von der Lage zu machen. Aber die Worte der beiden werden nur bestätigt. Fast alle Boote die hier anliegen sind von irgendwelchen Tourenanbietern. Hinzu kommt, dass die Segelsaison bereits seit ein paar Wochen zu Ende ist und die meisten privaten Schiffe schon abgelegt haben. Trotz den schlechten Aussichten beschließen wir, erst mal in Cartagena zu bleiben und es noch ein paar Tage zu versuchen…

In Cartagena werden wir von einer Krishnagemeinschaft zur Meditation und zum Abendessen eingeladen.

Als wir nach einer Woche immer noch kein Boot finden das uns mitnimmt, lassen wir von dem Plan ab. Weiter westlich, ganz knapp vor Panama, soll es noch eine kleine Hafenstadt geben: Turbo. Wir hatten gehört, dass von hier aus regelmäßig kommerzielle Schiffe starten, die die kleinen Siedlungen im Darién Gap mit Nahrung und sonstigen Waren versorgen. Im Gegensatz zu unserem Segelbootabenteuer von Gibraltar nach Tobago, stehen wir diesmal nämlich etwas unter Zeitdruck. Unsere Familie wird uns im Mai in Costa Rica besuchen und es bleibt wenig Spielraum, um weiter auf ein Segelboot zu hoffen, dass uns als Tramperinnen mitnehmen wird.

Veganes Chili sin Carne – Wir arbeiten ein paar Tage im veganen Restaurant in der Krishna Gemeinschaft und dürfen dafür dort kostenlos essen und wohnen.

Am Hafen von Cartagena – mit dem Segelboottrampen wird’s wohl nichts.

Ein Kapitän auf den Spuren illegaler Guerilleros

Also machen wir uns auf den Weg nach Turbo. Knapp vor Einbruch der Dunkelheit hält endlich ein Auto. Da sowieso niemand Turbo zu kennen scheint, nenne ich dem Fahrer die grobe Richtung: Medellin, die nächste Großstadt. „Und wo genau wollt ihr hin? – Ach, nach Turbo? – Ich fahre nach Turbo! Ich arbeite als Kapitän beim Militär. Komme gerade vom Urlaub bei meiner Familie in Cartagena.“

Jairo will die Nacht durchfahren, weil er morgen um sieben zum Dienst antreten muss. Er erzählt viel. Vor allem von der Darién  Region. Der Dschungel ist sein Einsatzgebiet, dort fährt er, auf der Suche nach Drogenschmugglern mit Patrouillenbooten die Flüsse ab.

Früher seien sie auf Spurensuche nach Guerillacamps durch den Dschungel gelaufen. Tage- oder wochenlang. „Wir untersuchten die Feuerstellen. Waren sie noch warm, wussten wir dass sich die Guerilleros höchstwahrscheinlich in der Nähe befinden.“

Das schmutzige Geschäft der Kojoten

Heute würden sie im Dschungel zwar ab und an noch auf Guerillagruppen stoßen aber immer häufiger begegnen ihnen eine wachsende Anzahl von Migrant*innen aus Kuba, Haiti, Venezuela, Asien und Afrika. Auf der Flucht vor politischen Konflikten, Elend, Gewalt oder getrieben von der Hoffnung auf ein wohlhabendes Leben, bahnen sich täglich hunderte Menschen, teilweise ganzen Familien ihren Weg durch den dichten und gefährlichen Dschungel.

„Vor Kurzem sind wir auf eine Gruppe Haitianer gestoßen, die verloren durch den Dschungel irrten. Sie waren von einem Kojoten mit dem Boot aufs Festland geschmuggelt worden. Im Glauben in Panama raus gelassen worden zu sein – dafür hatten sie ihn bezahlt – irrten sie durch den kolumbianischen Dschungel auf der vergeblichen Suche nach der Panamericana, die Straße Richtung Nordamerika. Der Kojote hatte sie verarscht. Nur das Geld zählt, die Menschen selbst sind denen egal. “

Militärpolizei mit Drogenspürhund im Darien Gap

Von Bananen und Kokain

Wir fahren die Nacht durch – mit einem zweistündigen Zwischenstop. Es ist halb sechs am folgenden Morgen als sich bereits die ersten zaghaften Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Blätter der Bananenstauden bahnen. die in Reih und Glied in endlosen Plantagen am Autofenster vorbeiziehen.

„Hier,“ Jairo zeigt auf die Plantagen, „sind auch heute noch viele Banden aktiv. Das Friedensabkommen mit der FARC bedeutet keineswegs, dass es heute mit Guerilleros und Paramilitärs vorbei ist. Die ELN und der Clan del Golfo sind aktuell die Hauptakteure hier in der Ecke, sie liefern sich einen erbitterten Kampf um die Vormachtstellung im Drogenhandel.

Bananen werden von hier aus in solchen Mengen exportiert, dass die Schmuggler ein leichtes Spiel haben. Es ist unmöglich die Hunderten von Tonnen die täglich von hier verschifft werden zu kontrollieren. Die Bauern arbeiten Hand in Hand mit den Schmugglern, Klar von Bananen allein kann man nicht reich werden. Nur vom Verkauf der Bananen können die Familien nicht mal die Bildung ihrer Kinder bezahlen.“

Jairo kauft für uns alle ein paar Kilo Mangos bei einer lokalen Farmerin auf dem Weg nach Turbo.

Um 06:30 Uhr in der Frühe erreichen wir Turbo. Jairo lässt uns am Ortseingang raus.

„Ich fahre nur ganz selten in die Stadt, eigentlich nie, es ist zu gefährlich. Wir bekämpfen den Drogenhandel und damit die wichtigste Einnahmequelle für viele hier, deshalb werden wir nicht gerne gesehen. Ein Kamerad wurde kürzlich auf offener Straße umgelegt. Die Situation ist mehr als verzwickt…“

Der Hafen von Turbo.

Als wir fragen, ob wir auf einem der Schiffe anheuern können, werden wir nur müde belächelt: „Vergisst es Mädels.“

Plan B: Von Turbo aus mit Booten durch das Darien Gap

Im Hafengetümmel, zwischen muskelbepackten Männern, hohen Stapeln von Kisten, Fischgestank und heißer, tropischer Luft werden wir von den Leuten zwar freundlich begrüßt, aber dann doch nur müde belächelt, als wir den Vorschlag machen, an Bord anheuern zu wollen. „Ne Mädels, vergesst das mal ganz schnell wieder. Hier darf nur angemeldete Crew an Bord.“

Mit Zeit und Geduld wäre es aber bestimmt irgendwie doch noch möglich gewesen. Weil wir den Besuch von unserer Familie aber auf keinen Fall verpassen wollen, nehmen wir eines der kleinen Schnellboote nach Capurganá, das letzte kolumbianische Dörfchen mitten im Darién Gap.

Ankunft in Capurgana – noch haben wir das Darien Gap lange nicht überwunden. Mal sehen wie’s weiter geht…

Capurganá ist das vorletzte Dorf vor der Grenze zu Panama. Nur der Hafen, der einzige Verkehrsknotenpunkt des Ortes ist geschäftig, sonst geht es hier eher ruhig zu. Es gibt kein einziges Auto, Fischerboote wackeln auf dem türkisblauen Wasser, ein paar Kinder toben im weißen Sand und hinten zwischen den Kokospalmen knipst eine Gruppe Touristen Selfies mit einem bunten Ara.
Die Szenerie könnte aus einer TUI-Werbung stammen: „Ihr Karibik-Traum-Urlaub in Capurgana!“

Für die einen ein Karibiktraum, für die anderen der Beginn einer Odyssee.

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Ort der Kontraste: Ein Tourist wird massiert, während die Militärpolizei mit scharfen Waffen am Strand patrouilliert…

Karibik(alp)traum

Aber wenn man nur ein wenig genauer hinsieht, bröckelt die Fassade dieser Idylle schnell. In Tarnanzügen und mit Sturmgewehren im Anschlag patrouillieret die Militärpolizei durch das Dorf.

Eine große Gruppe Haitianer*innen hatte sich von Turbo aus mit uns das Boot geteilt und bereiten sich nun auf die vielleicht gefährlichste Wanderung ihres Lebens vor: ein achttägiger Marsch durch den dichten Dschungel der Darién Region. Carpurganá ist für viele der Ausgangspunkt einer Odyssee, von hier beginnt eine der gefährlichsten Flüchtlingsrouten der Welt.

Das Darién Gap ist voll von Flüssen, Sümpfen, Giftschlangen und Jaguaren. Zu den Gefahren summieren sich die Paramilitärs, die die Route der Drogenschmuggler kontrolliert und regelmäßig dringen Geschichten von Überfällen und Vergewaltigung durch das Dickicht des Dschungels. Wer sich dazu entscheidet hier durch zu laufen, ist sich vollkommen selbst überlassen..

Was dort hinten auf der „Trucha“ im Dschungel vor sich geht, können wir nur erahnen. Die Geschichten uns Migranten, Anwohner und Militärs erzählen sind grausam.

Eine Nacht im Luxushotel?

Als es anfängt zu dämmern, machen wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz. Am Ende des Strandes, ganz hinten durch finden wir die Ruinen eines alten Luxushotels.

Kuppeln im arabischen Stil ragen zwischen Palmen hervor, die antik-anmutenden Säulen sind von Rankpflanzen überwuchert, die Marmorplatten der ehemals eleganten Treppen sind zersprungen und auf dem Grund des leeren Swimmingpools faulen Blätter vor sich hin. Langsam holt sich der Dschungel sein Territorium zurück. Die Fenster und Türen sind mit dicken Holzbrettern verbarrikadiert aber wir finden ein Schlupfloch an der Rückseite des Hotels:

Durch den Schacht einer ehemaligen Klimaanlage gelangen wir ins Innere. Im oberen Stockwerk finden wir ein gut erhaltenes Zimmer mit alten Matratzen und einem Balkon mit wunderschöner Aussicht aufs Meer. Mit Vorfreude auf unseren tollen Schlafplatz wollen wir zurück zum Strand, wo Annie mit unseren Rucksäcken wartet. Kaum haben wir uns durch Lüftungsschacht wieder nach draußen gequetscht, wartet schon der Sicherheitsmann auf uns.

Langsam schüttelt er den Kopf und beäugt uns mit skeptischen Blick. Er hat uns wohl von außen durch eines der Fenster erspäht. Aus unserem Luxuszimmer mit Panoramablick wird also leider doch nichts….

Ein Junge treibt Pferde zurück in den Stall.

Der bittere Geschmack der Realität

Im Toilettenhäuschen für die Strandgäste lernen wir Diego kennen. Seit ein paar Wochen arbeitet er hier als Reinigungskraft, um in ein paar Monaten hoffentlich genug Dollars zusammen zu haben, damit er den illegalen Weg durch den Dschungel antreten kann. Er will weiter Richtung Norden, um sich dort ein neues Leben aufzubauen. Nicht nur die obligatorischen „Guides“ bzw. Schmuggler fordern hohe Summen, auch die im Wald verstecken Paramilitärs fordern Weggeld, wenn die Migrant*innen ihre Gebiete kreuzen.

„Wenn ihr wollt, könnt ihr euer Zelt hinten in den Häuserruinen aufbauen.“ Er zeigt auf ein zerfallenes kleines Hotel hinter dem Toilettenhäuschen. „Dort seid ihr sicher.“

In den Ruinen treffen wir die Freunde von Diego, drei Männer, die sich hier eingerichtet haben. Einer schwingt im Halbschatten der Abenddämmerung in einer Hängematte und ruft uns freundlich zu: „Hola Amigas!“ Die anderen beiden sitzen auf dem Boden vor einem Feuerchen auf dem Reis vor sich hin kocht.

„Setzt euch. Habt ihr Hunger?“ Einer der beiden stellt sich als Juan vor, aus Kolumbien. Während die anderen eher schweigsam sind, erzählt er uns seine Geschichte: „Ich habe schon zweimal versucht, über die Trucha, so nennen wir den Pfad durch den Dschungel, nach Panama zu kommen. Das erste Mal war ich nicht richtig vorbereitet und musste umkehren weil es sonst zu gefährlich geworden wäre. Das zweite Mal hat mich die Militärpolizei geschnappt und zurück geschickt. Jetzt warte ich auf die nächste Möglichkeit. Aufgeben werde ich bestimmt nicht.“

Seit ein paar Monaten steckt Juan hier in Capurganá fest und teilt sich mit den anderen den Platz in der Ruine. Mit Gelegenheitsjobs und dem Verkauf von Marihuana wird er in einigen Monaten vielleicht die nötigen Dollar zusammen haben, die er braucht um es wieder zu versuchen.

„Wisst ihr, Kolumbien steckt derzeit zwar in keiner tiefen Krise und vielleicht könnte ich in meinem Heimatdorf auch ein bescheidenes und ruhiges Leben führen aber das will ich nicht. Warum solltet ihr – aus Europa – eure Träume leben können, während wir uns mit den wenigen Möglichkeiten abfinden müssen, die wir haben? Ich habe den Traum in die USA zu gehen und davon wird mich niemand abhalten!“

Unser Schlafplatz in der ehemaligen Ferienanlage. Links im Bild, unter dem Dach sieht man die Hängematte von Juan und seinen Freunden. Dort leben sie, bis sie sich auf den gefährlichen Weg durch den Dschungel machen, um die Grenze zu Panama illegal zu überqueren.

Zwischen morschen Balken schlagen wir in der Nähe unser Nachtlager auf. Das Meer rauscht. Aus dem Dschungel dringen zirpende und glucksende Laute. Vor meinem Inneren Auge sehe ich das Bild dieses Ortes. Türkisblaues Wasser, weißer Sandstrand, Sonne, Palmen. Diese Karibikidylle scheint den Menschen, die nicht zum Urlaub hier her gekommen sind höhnisch ins Gesicht zu lachen: „Die Welt ist schön – aber nicht für euch.“

In meinen Gedanken vermischen sich die Worte von Juan mit den Eindrücken des Tages: Die Familie aus Haiti, die sich auf den gefährlichen Marsch vorbereitet, die Tourist*innen, die sich am Pool in der Sonne recken, die Geschichten von Raub und Vergewaltigungen im Dschungel, die Restaurants die ihre vorzüglichen Speisen anbieten – aber nur den wenigen die es sich leisten können, Diego im Toilettenhäuschen, Juan in den Ruinen…

Sieht so eine gerechte Welt aus?

Reges treiben am Hafen von Capurgana. Mit einer handvoll Touristen ist auch eine große Gruppe Haitianer*innen angekommen, die auf den „Kojoten“ warten, der sie über den gefährlichen Pfad durch den Dschungel führen wird.

Nach einigen erfolglosen Nachmittagen am Hafen, macht uns Oswald, ein ansässiger Touranbieter ein Angebot: Er wird eine Gruppe Touristen nach La Miel fahren und kann uns – für ein kleines Taschengeld ein paar Meter weiter zu dem nahegelegenen Ort Puerto Obaldia fahren.

Next Stop: Puerto Obaldia

In dem kleinen panamaischen Grenzstädtchen Puerto Obaldia ist die Militär- und Polizeipräsenz unübersehbar. Regelmäßig patrouillieren die schwer bewaffneten Soldaten am Strand und es macht fast den Eindruck, als gäbe es mehr Soldaten als Zivilbevölkerung. Das Dorf liegt mitten im Darién Gap. Es gibt weder Autos noch Straßenverbindungen. Im Grunde besteht das Dorf aus einer Bäckerei, einer handvoll Restaurants und ein paar kleinen Kiosken. Außerdem gibt es einen kleinen Flughafen, von dem aus Buschflugzeuge nach Panama City fliegen.

Mit Karibiktraum hat Puerto Obaldia, das Grenzörtchen auf panamerikanischer Seite nicht mehr viel zu tun.

Es gibt zwar Straßen aber keine Autos. Isoliert vom Rest der Welt, umgeben nur von Meer und Dschungel schmort das Grenzörtchen hier in seinem eigenen Saft.

Von einem Kapitän am Hafen – der einzige der im Moment hier mit seinem Schiff anlegt, bekommen wir den Hinweis, dass bald ein Handelsschiff hier vorbeikommen wird, das uns möglicherweise mit nach Colon am Panamakanal nehmen kann. Er gibt uns den Kontakt zu Umberto – der Mann mit dem einzigen Telefon des Dorfes. Er sei ein guter Freund des Kapitäns und könnte uns gegebenenfalls mit ihm in Verbindung setzen.

Wir finden Umberto und haben später am Tag tatsächlich eine lose mündliche Zusage von Boni, dem Handelsschiffskapitän. Das Problem: Die Informationen über die Ankunftszeit des Schiffes lassen ziemlich viel Raum für Spekulation.

Offiziell sollte das Schiff von Boni schon gestern abgelegt haben. Heute heißt es am Nachmittag oder morgen, morgen sind Wahlen, da steht alles still im Land…Und der Grenzbeamte will uns keinen Einreisestempel geben bevor wir ein Ticket zur Weiterreise vorlegen können. Eineinhalb Tage haben wir noch. Wenn wir bis übermorgen noch keine Möglichkeit zur Weiterreise haben, will uns der Migrationsbeamte zurück nach Kolumbien schicken.

Das einzige Boot im Hafen von Puerto Obaldia – leider fährt es nicht dorthin wo wir hin müssen.

Mal sehen wie die Lage morgen aussieht. Unser Camp schlagen wir hinter dem Dorf am Strand auf. Am Ufer entlang führt ein kleiner Pfad über angeschwemmte Stämme und alte Fischernetze, über Plastikmüll und Korallenreste an einer Militärbasis vorbei. Hinter einem Holzschild „No toca los cocos“ (Finger weg von den Kokosnüssen) finden wir eine alte Hütte am Strand neben der wir unser Lager aufbauen.

Ausserhalb des Dorfes finden wir ein ruhiges Plätzchen.

Mitten in der Nacht werden wir durch den hellen Schein einer Taschenlampe geweckt. Wir hören Schritte und Gemurmel. Wer treibt sich um diese Zeit denn noch hier herum? Ich öffne das Zelt einen kleinen Spalt und beobachte einen Soldaten, der schnellen Schrittes in unserer Richtung kommt.

Er bleibt ganz knapp vor dem Zelt stehen und ruft irgendetwas. Ich stecke meinen Kopf aus dem Zelt, um heraus zu finden was los ist. „Habt Ihr die Palme dort drüben angezündet?“ frag er uns mit ernster Miene. „Nein.“ entgegne ich ihm verschlafen. „Habt ihr jemanden gesehen, der sich hier herumgetrieben hat?“ „Auch nicht.“

Die Antworten scheinen ihn nicht wirklich zu befriedigen aber er lässt bald von seinem Verhör ab und geht zurück zu den anderen Soldaten die vor der brennenden Palme hinter dem Holzhaus stehen.

Irgendwer hat wohl am Nachmittag dort seinen Plastikmüll verbrannt und ein Funken hatte das Feuer in der Nacht neu entfacht.

Wartezeit: Annie trägt einen ihrer eben geschriebenen Raptexte vor während Julia kocht.

Am nächsten Morgen stoßen wir im Dorf auf Miguel, einen Spanier auf Weltreise, Raul aus San Salvador, der zurück zu seiner Familie reist nachdem er sie mehrere Jahre nicht mehr gesehen hatte und José aus Kolumbien der seinen krebskranken Freund Santiago nach Costa Rica begleitet, wo er auf eine Behandlung hofft.

Unsere Geschichten können unterschiedlicher nicht sein aber im Moment stecken wir alle in der selben Situation: Keiner weiß so recht wie wir alle von hier aus weiter kommen sollen.

Im Hafen tut sich nicht viel…

Nächster Morgen: Von Boni gibt es immer noch kein Zeichen. Aber ein Fischer aus dem Dorf macht uns ein Angebot: wenn wir alle unsere Dollars zusammenlegen, fährt er uns nach Carti, das nächstgelegene Örtchen mit Straßenanbindung – acht Stunden von hier entfernt.

Wir gehen auf den Deal ein und finden uns kurze Zeit später – mit Stempel im Pass – auf einem kleinen Motorbötchen wieder das über die Wellen Richtung Norden kracht.

Auf dem Weg nach Carti, fahren wir an den San-Blas-Inseln vorbei, die von den Kuna besiedelt sind. Im 17. Jahrhundert flohen die Kuna vor den spanischen Invasoren auf das Archipel und konnten später, nach einer blutigen Auseinandersetzung mit der Regierung Panamas, das autonome Gebiet Kuna Yala gründen.

Zum Tanken halten wir in einer der Kunasiedlungen.

Die Kuna leben autonom und im Matriarchat organisiert.

Nach der langen, holprigen Fahrt kommen wir ziemlich erschöpft in Carti an. Von hier aus wollen wir zur Panamericana und dann morgen weiter nach Panama City trampen. Guter Dinge laufen wir los und tatsächlich hält nach kurzer Zeit schon ein Jeep…

Wir wollen gerade das Feuer in der alten Schubkarre für unser Abendessen anzünden, als das Auto das uns eben hier abgeladen hatte wieder angefahren kommt. Kuna – der Fahrer, Miguel und Raul kommen uns mit Tüten voller warmen Essen entgegen. Die drei hatten sich kurzerhand entschlossen umzukehren und uns mit dem Abendessen zu überraschen.

Unsere Haare sind von Sand und Meersalz verklebt. Da kommt die Dusche an der großen Tankstelle auf der Panamericana ganz gelegen, um uns nochmal zu erfrischen bevor es in die Großstadt geht….

Nach den Tagen im Dschungel kommt uns die Skyline von Panamacity fast surreal vor. Ich denke an all jene, die wir unterwegs getroffen haben und den schwierigeren, illegalen Weg durch den Dschungel nehmen werden. Wieso dürfen wir uns mit dem deutschen Pass so frei durch die Welt bewegen, während andere dafür ihr Leben aufs Spiel setzen müssen?

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